Soll ich... oder soll ich nicht?

Es gibt Menschen, denen fällt es leicht Entscheidungen zu treffen. Ich hege eine stille Bewunderung für sie, denn ich gehöre definitiv nicht dazu. Manchmal kann ich mich nicht entscheiden, weil ich glaube nicht zu wissen, was richtig ist. Manchmal weiß ich es eigentlich, aber vertraue nicht auf mein Gefühl und wäge zu lange Für und Wider ab. Was, wenn es doch die falsche Entscheidung war? Wenn Du Dich hier wiederfindest, habe ich eine gute Nachricht: Entscheidungen zu treffen kann man üben. Ja, wir können den Entscheidungsmuskel trainieren!

Aber was hindert uns eigentlich daran beherzt JA oder NEIN zu sagen?

Im Shiatsu verbindet man an erster Stelle die Energie des Gallenblasen-Meridian damit. Er verläuft komplett von Kopf bis Fuß an der Körperseite und springt oft im Zick-zack hin und her. Es geht also immer darum, sich einen Überblick zu verschaffen, bevor man sich für eine Richtung entscheiden kann. Daher brauchen große Entscheidungen mehr Zeit als die kleinen, alltäglichen. Und es braucht den Mut, die Verantwortung für sich und sein Tun zu übernehmen. Ein geschwächtes Gallenblasen-Ki (Ki: japanisch für Lebensenergie) könnte also dahinterstecken, wenn wir ständig abwägen, zaudern oder eben auch durch Nicht-Entscheiden, die äußeren Umstände für uns entscheiden lassen. Auf lange Sicht treten wir dann auf der Stelle und bleiben weit unter unseren Möglichkeiten.

Ein schwach entwickeltes Lebensprinzip des Gallenblasen-Meridians bleibt passiv, tritt bevorzugt auf der Stelle und hält sich konsequent zurück.
— Mike Mandl

Im Hintergrund wirken auch noch Herz-Ki und Nieren-Ki mit und unterstützen uns in jedem Entscheidungsprozess. Denn wenn wir in gutem Kontakt mit unserem Herz-Ki stehen, dann wissen wir, was uns wirklich wichtig ist, welche Wahl sich für uns richtig anfühlt. Und im tiefen Vertrauen, dass uns jede aktiv gefällte Entscheidung auf unserem Lebensweg weiterbringt, finden wir den Mut, den es dafür braucht. Das ist die Kraft des Nieren-Ki. Denn andernfalls überwiegt die Sorge zu scheitern oder die Angst, dass wir doch lieber links statt rechts hätten abbiegen sollen, und deswegen nie wieder zurück auf unseren Weg finden könnten.

Und schließlich ist auch der Partner-Meridian der Gallenblase, der Leber-Meridian, ein wichtiger Begleiter bei solchen Prozessen. Das Leber-Ki nährt unsere Tagträume und Visionen, kreiert die ganz großen Lebensentwürfen. Es setzt so gesehen den eigenen Polarstern am Nachthimmel der Entscheidungen. Ohne ihn kann die Orientierung ganz schön schwerfallen.

Das im Hinterkopf kann uns helfen, zu reflektieren, welche der zuarbeitenden Kräfte eventuell gerade zu schwach sind, um zu einer beherzten Entscheidung zu finden. Was will ich eigentlich? Wovor habe ich Angst? Was ist eigentlich mein Plan?

Bergpanorama vor dämmerndem Nachthimmel mit Polarstern

Aber zurück zum Work-out. In seinem Buch „Meridiane. Landkarten der Seele“ rät Mike Mandl dazu, es wie die Samurai zu halten: „Warte nie länger als sieben Atemzüge, wenn Du vor einer Entscheidung stehst.“ Vielleicht könnte man ja den Anfang damit machen, jeden Tag ein oder zwei kleine, nicht ganz so wichtige Entscheidungen im 7-Sekunden-Verfahren zu fällen?

Oder eine kleine koordinative Übung am Morgen aus der Grinberg-Methode, die mir meine Freundin Mirjam Köglsperger nahegebracht hat: s`Move. Dabei tanzt man und bewegt sich im Stop-movement Rhythmus zur Musik. Jede Bewegung darf sich neu finden und wird im Stop-Moment beendet. In diesem kurzen Augenblick des Innehaltens, fällen wir auf spielerische Weise die Entscheidung für die nächste Bewegung. Intuitives Speed-deciding oder so ähnlich.

Wer hätte gedacht, dass so viel Shiatsu in jedem noch so kleinen Entscheidungsmoment steckt!

Joanna Mederle